Uwe Knüpfer
Veröffentlichungen
  • Home
  • Archiv
  • Bücher
  • Zur Person
  • Impressum
  • Kontakt

Der Europäische Gipfel in Nizza: Mut zur Vision

7/12/2000

 
An der Grenze zwischen Deutschland und Polen begann der Zweite Weltkrieg. Kaum eine Grenzlinie in Europa wurde so oft verschoben, mit so viel Gift beladen wie die zwischen Deutschen und Polen. Erst wenn diese Grenze aufgehoben wird, ist Europa geeint.

Und geeint muss es sein. Viel wird derzeit geklagt, die Idee Europa habe ihren Glanz verloren. Das mag stimmen. Doch an Wert hat sie mitnichten verloren.

Wann hat es das jemals gegeben, in Europas blutiger Geschichte: 50 Jahre Frieden, 50 Jahre Wohlstand. Jedenfalls im Westen des Kontinents, rund um jene Grenze herum, die einst ähnlich vergiftet war wie jene zwischen Deutschen und Polen: die zwischen den Erzfeinden, zwischen Franzosen und Deutschen?

Den Frieden und den Wohlstand, den wir Westeuropäer genießen, haben wir jenen Politikern zu verdanken, die den Weitblick und die Weisheit besaßen, den Grundstein zu einem Gebäude zu legen, dessen Richtfest sie - das wussten sie - nicht mehr würden erleben können. Solche Politiker sind auch heute wieder vonnöten.

Nichts von dem, was wir heute als selbstverständlich erachten, versteht sich von selbst: nicht der neckisch-zwanglose Umgang zwischen Deutschen und Franzosen und Briten, nicht die niederländischen Busse am Oberhausener CentrO, nicht die Allgegenwart unseres Italieners an der Ecke, nicht die Freiheit, mit der wir uns zwischen Lissabon und Athen, Kopenhagen und Salerno bewegen, nicht Ballermann 6 und die deutsche Finca auf Mallorca.

Jeder noch so winzige Fortschritt hin zur Europäischen Integration war nur möglich, weil in allen Hauptstädten Westeuropas Politiker regierten - und Beamte verwalteten -, die auch nach schier endlosen nächtlichen Verhandlungen über Milchquoten die Idee Europa nie aus dem Blick verloren. Lange zeit genügte das. Weil ein Bauplan vorgegeben war.

Doch dieser Bauplan trägt nicht mehr. Das Gebäude der Europäischen Union ist schon jetzt zu groß geworden, um noch übersichtlich zu sein. Es gleicht einem gewucherten Verwaltungsgebäude mit zahllosen Kammern und endlosen Fluren, ohne Maß und ohne Gesicht. Wenn Polen der EU beitreten wird und mit oder nach ihm zehn und mehr weitere Staaten, muss ein neues Gebäude her. Kein erweitertes, kein Anbau, nein: ein neues Gebäude.

Europa muss neu gedacht und geplant werden, und zwar jetzt. Zähigkeit und Pragmatismus reichen nicht aus, das Werk der Europäischen Einigung zu vollenden. Im Gegenteil: Wenn die Politiker derJetztzeit sich darauf beschränken, so weiter zu wursteln, wie es zwischen Brüssel und Straßburg jahrzehntelang üblich - und ausreichend - war, ist das Projekt Europa gefährdet.

Statt neuer Quotenregelungen braucht Europa einen Quantensprung.

Brüssels Kompetenzen gehören klar definiert und begrenzt. Das Europäische Parlament muss an Einfluss gewinnen. EU-Europa muss für seine Bürger begreifbar, verstehbar und zähmbar werden.

Aller Europa-Skepsis zum Trotz: Die allermeisten Menschen in Europa wollen die Integration nicht rückgängig machen - ebenso wenig wie die allermeisten Sachsen und Thüringer sich das Minenfeld der innerdeutschen Grenze zurückwünschen, allem Gegrummel zum Trotz.

Kanzler Schröder hat sich und seine Amtskollegen zum Beginn des Gipfels in Nizza aufgerufen, Mut zu beweisen. Dem ist wenig hinzuzufügen - außer: Es lohnt sich.

Politiker, die stets nur auf Wahltermine schielen, werden rasch vergessen. Schröder, Chirac und Co. haben die Chance, als Architekten Europas unvergessen zu bleiben.

Größeren Lohn hat Politik nicht zu bieten.

Wechsel im Amt des Staatsministers für Kultur: Sieg der Provinz

24/11/2000

 
Braucht Deutschland, braucht die Berliner Republik einen Staatsminister für Kultur? Gerhard Schröder war dieser Ansicht, und in Michael Naumann schien er die Idealbesetzung gefunden zu haben.

Nun ist Naumann gescheitert; zum Teil an sich selbst, zum Teil aber auch daran, dass zu unklar blieb, was seine Aufgabe war.

Naumann ist ein Feuilletonist, ein Mann des Wortes und der Texte. Geistreich, elegant, weltläufig. Schröder stand er gut.

Berlin tat es gut, dass Naumann wirbelte. Fast zwei Mrd Mark schaffte Naumann für Berliner Museen, Gedenkstätten und Musentempel an, und das unter den kritischen Augen des Sparkommissars Eichel.

Die Hauptstadt wird es Naumann danken, der nun nach Hamburg ziehen will, um dort Mitherausgeber einer Wochenzeitung - Die Zeit - zu werden.

Naumann brachte Ästhetik in die Politik und nach Berlin, oder zumindest schien es so. Doch je erfolgreicher er Berlin dekorierte, desto misstrauischer wurde er von außerhalb der Hauptstadt aus beobachtet. Weil man dort weiß, dass auch in der Kulturpolitik eine Mark nur einmal ausgegeben werden kann: entweder in Berlin oder der Provinz.

Als Naumann dann noch - in der Zeit - gegen die Kulturhoheit der Länder polemisierte (Verfassungsfolklore), brach ein Sturm der Entrüstung los.

Berlin ist nun Regierungssitz. Eine Mehrheit des Bundestages hat es so gewollt. Doch eine Hauptstadt, die alles an sich zieht - Geld und Geist, die besten Regisseure, die Eliten dieser Republik -, die will die Mehrheit der Deutschen nicht. Das hat Naumann nicht begriffen.

Sein Amtsnachfolger Julian Nida-Rümelin war bisher Kulturreferent in München. Das lässt hoffen, dass Deutschland sich auch künftig viele heimliche Hauptstädte gönnt.

US-Vorwahlen: Auszählreim - bald sind es nur noch acht

7/2/1996

 
Die Vorwahlen in den USA erinnern an das Lied von den Zehn Kleinen Negerlein. (Das Wort Negerlein wäre in den USA aus Gründen der Political Correctness geächtet.)

Noch bewerben sich neun Kandidaten um die Ehre, als offizieller Kandidat der Republikanischen Partei im November Präsident Bill Clinton herausfordern zu dürfen. Wähler in den US-Bundesstaaten treffen die Auswahl, in Staat nach Staat. Aus zehn Kandidaten werden neun werden acht werden sieben...: Spätestens im Mai dürften wir wissen, wer das Vorwahlgemetzel überlebt haben wird.

Was die Amerikaner da treiben, ist eine merkwürdige, aber effektive - und für den unbeteiligten Beobachter unterhaltsame - Form von Demokratie.

Kaliforniens Gouverneur Wilson schied schon vor Monaten aus: Er brachte nicht genug Spendengeld zusammen, fiel damit durch den ersten ernsten Test für jeden amerikanischen Politiker. Nun scheint es Phil Gramm zu erwischen. Ihm fehlt es nicht an Sponsoren, wohl aber an Charisma.

Gerade mal 30000 Wähler im US-Bundesstaat Louisiana haben sich an der ersten parteiinternenen Abstimmung des diesjährigen Präsidentschaftswahlkampfs beteiligt. Nur zwei der republikanischen Kandidaten traten hier an, Phil Gramm und der mindestens so konservative Journalist Pat Buchanan. Der Rest boykottierte diesen "Caucus". Louisiana hatte sich vorgedrängelt: Traditionell genießen die Staaten Iowa und New Hampshire das Privileg, den Reigen der Vorwahlen zu eröffnen. Die meisten Kandidaten wollen es dabei belassen, blieben aus Treue zur Tradition dem Rennen in Louisiana fern, vor allem die Favoriten: Senator Bob Dole und Verleger Steve Forbes.

Gramm trötete seit Monaten - allzu laut -, er werde in Louisiana souverän siegen und Dole und Forbes so auf die Fersen rücken. Nun hängte ihn Buchanan mit 62 zu 38 % ab. Buchanan hat kaum Chancen, am Ende auf den Kandidatenschild gehoben zu werden, aber Gramm hat nun ernste Probleme. Er wird an seinen riesenhaften Erwartungen gemessen und erwies sich als Gnom. Wenn ihm nicht in der nächsten Woche in Iowa ein strahlender Erfolg gelingt, sind es nur noch acht.

Ende des US-Etatstreits: Revolution vertagt

7/1/1996

 
Der Streit um den US-Haushalt dreht sich um mehr als ein paar Einsparungen hier oder da. Er geht um politische Weichenstellungen, womöglich für Jahrzehnte.

Die Republikaner im Kongreß wollen eine Entmachtung Washingtons, eine Verschiebung von Zuständigkeiten von der Bundesregierung hin zu den Einzelstaaten oder, darüber hinaus, zu den Betroffenen, den Bürgern. Sie wollen Schluß machen mit einer seit den dreißiger Jahren gewachsenen Tradition des väterlichen, des sorgenden Staates. Sie folgen dabei der uramerikanischen Idee, wonach sich alles zum Besten richte, wenn nur "der Bürger" allein über sein Schicksal und das seiner nächsten Umgebung gebiete.

Vergessen ist, daß der väterliche Staat vor sechzig Jahren genau deshalb auf den Plan trat, weil die Idee des "Laß-mal-machen" zuvor versagt hatte. Die Weltwirtschaftskrise ließ Millionen von Amerikanern in bitterer Armut versinken - und Europa im braunen Sumpf.

Die Macht des US-Kongresses ist seine Zuständigkeit für die Finanzen. Das überaus komplizierte US-Haushaltsrecht erlaubt es, mit Etats so gut wie jede gewünschte Gesetzesinitiative zu verknüpfen, und so wird es gemacht. Deshalb lag es für die jetzige Kongreßmehrheit "revolutionär" gesinnter Republikaner nicht fern, an die Bewilligung von Geldern für die Bezahlung von Beamten ihr gesamtes "Revolutionsprogramm" zu fesseln - auch wenn diese Art von Politik durch Erpressung neu war, selbst für die USA.

Die Republikaner mußten allerdings die Erfahrung machen, daß die Mediendemokratie denjenigen bevorteilt, der GEGEN etwas ist.

Die innenpolitische Macht des US-Präsidenten ist es, Nein sagen zu können, ist sein Veto. Ist es zudem, daß Präsidentenworte Gehör in allen Medien finden. Clinton macht davon derzeit virtuos Gebrauch. Die Republikaner haben die Schlacht um die öffentliche Meinung, genannt Haushaltsstreit,  verloren. Deshalb lenkten sie nun ein, und die Weltmacht gibt endlich wieder Visa aus, öffnet wieder ihre Museen.

Die Revolution ist vertagt.

US-Haushaltsstreit, neueste Runde: Schnitt ins Fleisch

8/12/1995

 
Im Jahr 2002 will die Regierung in Washington keine neuen Schulden mehr machen. Darauf haben sich Präsident Clinton und der von seinen republikanischen Widersachern beherrschte Kongreß geeinigt.

Das klingt großartig, taugt prächtig als Munition für den US-Präsidentschaftswahlkampf. Er sendet ein willkommenes Signal an die Finanzmärkte der Welt, tut dem Vertrauen in den Dollar und die US-Wirtschaft gut. Das ist das Gute, das sich über Washingtons Drama "Balanced Budget" sagen läßt.

Einigkeit herrscht über das Ziel, doch mitnichten über den Weg dorthin. Im November haben die Republikaner, um den Präsidenten in die Ecke zu drängen, für Tage die Regierung außer Gefecht gesetzt. Sie können es jederzeit wieder tun. Am 15. Dezember schon geht Clintons Regierung erneut das Geld aus.

Mit der Vorlage seines eigenen 7-Jahr-Sparprogramms wollte Clinton nun demonstrieren: Ich bin zu Kompromissen bereit. Mit der Betonung auf: ich. Das Drama geht in die nächste Runde; es ist längst nicht die letzte.

Ob die USA 2002 einen ausgeglichenen Bundeshaushalt haben werden oder nicht, steht in den Sternen; egal, wie der Streit in diesem Jahr endet. Zu viele Faktoren sind unbekannt: das  künftige Wirtschaftswachstum, die Inflationsrate, die Entwickluing der Steuereinnahmen. Klar scheint nur, wer am Wegesrand zurückbleiben wird: Alte Menschen mit kleinen Renten, junge Mütter ohne eigenes Einkommen, Umweltschutzprogramme, verkommende Innenstädte; Beispiele nur.

Das müßte so nicht sein, gäbe es nicht politische Tabus, die weder Clinton noch die Republikaner in einem Wahljahr sich anzufassen getrauen. Steuererhöhungen sind igittigitt. Im Gegenteil, Steuergeschenke müssen her. Der Militärhaushalt wird nicht nur nicht angetastet, sondern erhöht. Subventionen für Firmen, die mit ihren Spenden so manchen Politikerwahlkampf erst führbar machen, bleiben sakrosankt.

So scheinen die USA willens, sich tief ins eigene Fleisch zu schneiden, um zu beweisen, wie gesund sie sind.

An der Klippe

1/11/1995

 
Eine hauchdünne Mehrheit der Bürger von Quebec hat sich für Kanada entschieden, gegen das Abenteuer der Selbständigwerdung. Ein Land sah über die Klippe und zuckte zurück, in allerletzter Sekunde. Am Abgrund aber steht es immer noch. 

Das Aufatmen war groß, nicht nur in Kanada. An der Klippe stand auch das Schicksal der Nordamerikanischen Freihandelszone Nafta, die Vision eines Nordamerika ohne Grenzen, ja grundsätzlicher noch: die globale Vision eines Zusammenlebens ohne Grenzen. Zwei Philosophien standen sich gegenüber, die Europäern nicht unvertraut sind: die von der Geborgenheit im eigenen Haus, innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe - polemisch: im vertrauten Mief - und die Hoffnung auf ein Miteinander der Kulturen in einer weiten, toleranten Gesellschaft. Kurz: Hütte gegen Wolkenkratzer.

Vor fünfzehn Jahren stimmten die Quebecker schon einmal ab. Sie votierten für Kanada, auch damals,  aber mit deutlicher Mehrheit. Damals versprachen Politiker in Kanadas Hauptstadt Ottawa, Konsequenzen zu ziehen: das Haus zu renovieren. Sie versuchten es, aber ohne Erfolg. Kanada war und ist ein Kontinent mit einer zentralistischen Regierung; es trägt am Erbe des Kolonialismus. Vielerorts fordern die Regionen mehr Unabhängigkeit von Ottawa. Nur nirgendwo so laut, so stur wie in Quebec.

Die Quebecker Separatisten haben es verstanden, ihren Traum von einem Frankreich auf amerikanischer Erde an eine Generation der Jungen weiterzureichen. Er ist am Montag nicht gestorben. Der Rücktritt des Premierministers von Quebec am Tag nach der Niederlage besiegelte nicht das Ende der Kampagne für "Le Quebec Libre". Jacques Parizeau reicht die Fackel nur weiter.

Wieder versprechen Politiker in Ottawa nun tiefgreifenden Wandel. Kanada werde besser werden, so daß niemand es verlassen muß. Diesmal müssen die Politiker liefern, was sie versprechen, sonst scheint es um Kanada geschehen.

Kanada braucht im Grunde eine neue Verfassung. Aber sie kommt nicht zustande ohne die Zustimmung aller Provinzen. Quebec wird von Separatisten regiert. Die wollen kein Apartement in einem neuen, wohnlicheren Haus. Sie wollen ein eigenes Land - ihr eigenes Chateau - und sehen sich dem großen Ziel näher denn je. Sie können und werden jeden Bauplan sabotieren, der aus Ottawa kommt. In den anderen Provinzen hält sich zudem die Lust in Grenzen, den Querköpfen aus Quebec mehr Platz im gemeinsamen Haus einzuräumen als allen anderen. Die Politiker in Ottawa sind fürwahr nicht zu beneiden.

Doch da ist etwas, das ihnen Mut machen sollte: Sie haben es mit Kanada zu tun und Kanadiern. über eine Frage von Sein oder Nichtsein stritt dieses Land mit großer Leidenschaft, aber eben nur mit Worten. Welch eine Wahlbeteiligung! Erwacht ist über die bittere Kampagne um das Referendum in Quebec ein bisher ungekanntes demokratisches Staatsgefühl, eine so nicht erwartete Liebe zu Kanada - Kanadas Werten -, gerade unter vielen jungen Menschen. Kaum zu glauben, daß eine Gesellschaft wie diese sehend in den Abgrund springt.

Kurzkommentar zum Simpson-Urteil: Justitias Preis

3/10/1995

 
Zwölf Geschworene in Los Angeles haben O.J. Simpson freigesprochen. Sie haben sich von einem "Berg an Beweisen" nicht überzeugen lassen. Stärker beeindruckt haben sie offenkundig die Belege für die Nachlässigkeit und die rassistische Voreingenommenheit der Polizei.

Die Verteidigung hat unverhohlen und erfolgreich auf die Solidarität einer überwiegend dunkelhäutigen Jury mit dem schwarzen Angeklagten gesetzt. Ein beispielloser Aufgallopp von Experten und Gegenexperten hat den von der Verteidigung erwünschten Erfolg gehabt: Zweifel zu wecken an der Verläßlichkeit der vorgelegten Indizien.

Orenthal James Simpson und seine Anwälte haben nun gut lachen. Alle anderen können nur hoffen, daß die Jury recht hatte. Daß Simpson tatsächlich unschuldig ist.

So oder so, der Prozeß war eine Katastrophe.

Eine Katastrophe für das US-Rechtssystem: Das Vertrauen der Amerikaner in die Funktionstüchtigkeit ihrer Justiz hat einen Tiefpunkt erreicht. Wäre Simpson nicht reich und berühmt, der Prozeß wäre vor spätestens einem halben Jahr zuende gewesen, und vermutlich mit einem Schuldspruch. Justitia ist käuflich - das haben viele Amerikaner schon immer geglaubt. Nun fühlen sie sich darin bestätigt..

Der Prozeß war aber auch eine Katastrophe für die Medien. Sicher, der Fall war faszinierend und sensationell, der Prozeß gelegentlich spannend. Aber nichts davon rechtfertigt die exzessive Besessenheit, mit der sich das Fernsehen und auch die seriösesten US-Zeitungen auf den Fall gestürzt haben, gefolgt von den Medien in aller Welt. Die Mondlandung, der Mord an Kennedy, der Golfkrieg - alles scheint neben dem Simpsonprozeß zu verblassen. Wir im Mediengewerbe sollten uns schämen.

Die Unterschiede zwischen Boulevard- und seriöser Presse verschwammen. Die Medien erlagen der Verlockung des Blutes und der Einschaltquoten. Das Publikum, steht zu befürchten, wird es sich merken. Und uns in Zukunft noch weniger glauben.

Denn das lehrt die nüchterne, schnelle Entscheidung der Jury von L.A.: Niemand unterschätze den Eigensinn von Geschworenen, Wählern und Lesern.

NAFTA heißt Amerikas Antwort auf den Europäischen Binnenmarkt

12/8/1992

 
NAFTA klingt nach freiem Handel, aber riecht nach Protektionismus.
Die neue Freihandelsozne von Kanada bis Mexiko wird größer sein als Europa und ungefähr ebensoviele Verbraucher umfassen. Während der Binnenmarkt schon 1993 Wirklichkeit wird, sieht das Nordamerikanische Freihandelsabkommen, das heißt NAFTA übersetzt, einen schrittweisen Abbau der Zölle und Handelsschranken bis ins nächste Jahrtausend hinein vor.
US-Präsident George Bush verspricht sich von NAFTA einen Kick für die amerikanische Wirtschaft - so wie schon die Aussicht auf den Binnenmarkt einst die ôkonomien Europas beflügelt hat. NAFTA-Skeptiker fürchten um den Bestand von Arbeitsplätzen im eigenen Land und um die Aufweichung sozialer und ökologischer Standards. Auch das klingt vertraut in europäischen Ohren.
Wahrscheinlich ist, daß die Kleinmütigen unrecht haben und George Bush recht. Wahrscheinlich ist aber auch, daß dies erst in einigen Jahren erkennbar wird. Um Bush über die Wahlhürde im November zu helfen, dafür kommt NAFTA zu spät und dafür ist der komplizierte Vertrag zu sperrig.
Unumstritten ist, daß Nordamerikas Wirtschaft als Ganzes betrachtet von dem Markt ohne Grenzen proftitieren wird. Nur müssen sich die Amerikaner selbst an diese Sichtweise erst noch gewöhnen.
Auf den ersten Blick ist NAFTA ein Sieg des Gedankens vom freien Handel, eine Niederlage des Protektionismus. Mit der Existenz von NAFTA und dem weiteren Zusammenwachsen Europas wächst jedoch auch die Gefahr, daß zwar die jeweiligen Binnengrenzen verschwinden, die Barrieren zwischen den Blöcken aber wachsen. Der vielbeschworenen "Festung Europa" stände dann eine Festung Amerika gegenüber. Der Idee vom freien Handel zwischen den Nationen, der Idee auch vom globalen Denken, könnte Schlimmeres kaum widerfahren.

Rabin/Bush

11/8/1992

 
Israels neuer Premierminister Yitzhak Rabin hat es verstanden, in kürzester Frist den traditionell kurzen Draht zwischen Israel und den USA zu reparieren. Zum Nutzen Israels und der Nahost-Friedensgespräche. Und möglicherweise auch zum Nutzen von George Bush. Für den US-Präsidenten waren die Bilder und Ergebnisse von Kennebunkport ein kleiner Triumph.
Rabins Vorgänger Schamir hat den Draht zwischen Washington und Tel Aviv gekappt, als er sich starrsinnig weigerte, den Bau neuer jüdischer Siedlungen in den besetzten Gebieten zu stoppen. Schamir wollte nicht einmal ausschließen, daß dafür amerikanische Kredite verwendet werden könnten. Für die Bush-Regierung, bemüht, Israelis und Palästinenser ins Gespräch zu bringen, von beiden Seiten als ehrlicher Makler akzeptiert zu werden, war das ein Stoß vor den Kopf. Bushs Friedensplan steht schließlich unter der öberschrift: Land für Frieden.
Rabin versicherte nun Bush in dessen Feriendomizil an der Küste von Maine, daß weitere Siedlungen nicht geplant sind. Bush sagte im Gegenzug die zurückgehaltenen Kreditgarantien in Höhe von zehn Mrd. Dollar zu.
Die Zeichen stehen jetzt günstig für die nächste Runde der Nahost-Friedensgespräche, die am 24. August in Washington begonnen soll. Bush hat Wert auf den Gesprächsort Washington gelegt, schon allein, damit die amerikanischen Wähler nicht übersehen, wem es zu danken ist, sollte einer der ältesten Schwelbrände der internationalen Politik tatsächlich ausgetreten werden.
Bush hat ein wenig Aufwind bitter nötig; nur Tage vor dem Parteitag der Republikaner in Houston liegt er in Meinungsumfragen weit abgeschlagen hinter seinem Herausforderer Bill Clinton von den Demokraten.
Bush ist ein nicht geringes Risiko eingegangen, als er Israel vor einem Jahr die erbetenen Kreditgarantien verweigerte. 30 Prozent der amerikanischen Juden haben ihn 1988 gewählt. Diese Stimmen braucht er im Herbst erneut, will er wiedergewählt werden.

Bush/Rabin

10/8/1992

 
Selten ruhten so große Hoffnungen auf einem Urlaubsplausch. USƒPräsident George Bush verbringt zwei Tage mit dem israelischen Regierungschef Yitzhak Rabin am Meer in Kennebunkport. Allein das schon ist eine gute Nachricht.
Die amerikanisch-israelischen Beziehungen waren zuletzt sehr getrübt. Sie waren getrübt, weil Bush die Nahost-Friedensgespräche von Anfang an ernst nahm, Rabins Vorgänger Schamir aber nicht. Jedenfalls sah das von Washington aus betrachtet so aus.
Bush brach mutig mit einer amerikanischen Tradition, als er Druck auf Israel machte. Als er verlangte, die jüdische Besiedlung besetzten Territoriums zu stoppen. Er nahm damit Kritik im eigenen Land in Kauf, er ging ein nicht geringes Risiko ein. Der Wahlsieg Rabins und dessen politischer Kurswechsel aber gaben Bush recht.
Jetzt könnte der angeschlagene Präsident vor dem größten wirklich selbstgemachten außenpolitischen Erfolg seiner Amtszeit stehen. Er hat ihn bitter nötig. Aber die Welt nicht minder.
Das Ende des Kalten Krieges, die deutsche Einheit, es waren Früchte, die Bush zufielen. Die Leistung des US-Präsidenten war: Er wußte sie aufzufangen, mehr nicht. Auch der Sieg im Golfkrieg wird Bush daheim kaum noch auf dem Habenkonto gutgeschrieben, seit klar ist, daß zwar die feudalen Verhältnisse in Kuweit wiederhergestellt wurden, sonst aber alle Probleme der Region ungelöst blieben.
Doch die Nahost-Friedensgespräche, deren nächste Runde Ende August in Washington beginnen soll, sind das ureigene Werk Bushs und seines Außenministers James Baker. Baker setzte das Vertrauen ein, das ihm während der Irak-Krise in der arabischen Welt zugewachsen ist. Aber ausgerechnet Israel blockierte unter dem trotzköpfigen Schamir den Fortschritt dieser Gespräche.
Rabins "Privatbesuch" in Kennebunkport demonstriert: Die Blockade ist beendet. Israel und die USA ziehen wieder an einem Strang - und in dieselbe Richtung. Frieden im Nahen Osten, Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern war nie so greifbar nah wie heute. Die Ferienbilder aus Kennebunkport könnten geschichtsträchtig sein.
<<Previous
Forward>>
    Loading
    Getty

    Archiv

    April 2025
    June 2020
    April 2020
    April 2019
    February 2019
    May 2018
    March 2015
    January 2015
    October 2013
    July 2013
    April 2013
    June 2012
    January 2012
    December 2011
    September 2011
    August 2011
    July 2011
    May 2008
    December 2000
    November 2000
    February 1996
    January 1996
    December 1995
    November 1995
    October 1995
    December 1992
    October 1992
    September 1992
    August 1992
    July 1992
    June 1992
    May 1992
    April 1992
    January 1990

    Kategorien

    All
    Außenpolitik
    Bildung
    Bonn
    Ernährung
    Europa
    Fdp
    Frankreich
    Glossen
    Integration
    Irak
    Kommentare
    Kultur
    Leitartikel
    Medien
    Nachrufe
    Nahost
    Nato
    Rechte
    Religion
    Reportagen
    Rezensionen
    Ruhr
    Soziales
    Spd
    Sport
    Terror
    Umwelt
    Usa
    Verkehr
    Vorwärts
    Vorwärts
    Wirtschaft
    Zeit Artikel

    Downloads

    Die kompletten Jahrgänge 
    1992, 1993, 1994, 1995 sind als unformatierte txt. Dateien (Fließtext) erhältlich.

    Disclaimer

    Viele der hier verfügbaren Texte sind nicht end-redigiert. Sie können Fehler enthalten, die in der Druckfassung korrigiert worden sind. Das trifft insbesondere auf die Beiträge aus den Jahren 1992-2000 zu (USA-Berichterstattung). Das Copyright zu allen hier verfügbaren Texten und Fotos liegt beim Autor beziehungsweise bei den Fotografen. Wer Fotos oder Texte, im Ganzen oder teilweise, kopieren oder sonstwie publizistisch verwenden will, bedarf dazu der ausdrücklichen Einwilligung des Autors beziehungsweise des Fotografen.

Powered by Create your own unique website with customizable templates.