Uwe Knüpfer
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Tauziehen ohne Ende

1/1/1990

 
Wie sich die Kultusminister in die Sackgasse geredet haben Von Uwe Knüpfer

Eine Posse. Beteiligt sind: die Kultusminister von Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg, Hans Schwier also, Hans Maier und Gerhard Meyer-Vorfelder. Zudem der Philologenverband. Gegenstand der Erregung: die 22 nordrhein-westfälischen Kollegschulen. Oder genauer: Die Tatsache, daß an diesen, wie man sie nennen könnte, Schulen mit gymnasialer Oberstufe, neben anderen Abschlüssen auch die allgemeine Hochschulreife erworben wird. Oder, noch genauer: daß Hans Schwier einen versprochenen Bericht angeblich nicht abgeliefert hat. Oder doch, aber den falschen. Oder den richtigen zu früh.

Starke Worte. „Billig-Abitur!“ wettert der Philologenverband und zitiert einen Bericht, den, so sein nordrhein-westfälischer Pressesprecher, „niemand kennt“.

Aus München kommen dunkle Drohungen. Es sei höchst fraglich, ob das Kollegschul-Abitur weiterhin anerkannt werden könne. Man erwarte gespannt den längst zugesagten Zwischenbericht aus Düsseldorf. Eine Schlamperei, klingt es zwischen den Zeilen durch, eine unverantwortliche noch dazu. Denn was soll man davon halten, wenn das Land Nordrhein-Westfalen einen Schulversuch startet, sich dazu die Zustimmung der anderen Länder-Kultusminister einholt, sich dabei auf eine Frist einläßt und dann diese Frist verstreichen läßt, ohne den zugesagten Bericht zu erstatten, ja, ohne sich bei den anderen Ländern zu erkundigen, ob die denn bereit sind, auch weiterhin Abiturienten aus Kollegschulen in ihren Universitäten studieren zu lassen?

Wer wollte da nicht dem Sprecher des Stuttgarter Kultusministers zustimmen, der ein solches Vorgehen dreist findet und von einer „Geheimdiplomatie“ der Düsseldorfer spricht, von einer „Kollegschul-Komödie“, in der mitzuspielen man nicht länger bereit sei – „so bedauerlich das für die Schüler sein mag“.

Billig-Abiturienten vom Kolleg? Bedauerlich, in der Tat. 50 000 Schülerinnen und Schüler besuchen derzeit eine Kollegschule. Rund 900 von ihnen gehen Jahr für Jahr in die Abiturprüfung. Sie alle, ihre Eltern, ihre Freunde, haben in den letzten Wochen reichlich Anlaß gehabt, sich über Zeitungsschlagzeilen aufzuregen. Wer hält sich schon gern für einen Billig-Abiturienten? Und schlimmer noch: Lebensplanungen scheinen über Nacht in Frage gestellt, Wer 1986 das Abitur machen will, ist verunsichert, weiß nicht mehr, ob er noch studieren kann, wo er will und wo er glaubt, in dem von ihm gewählten Fach am besten lernen zu können. Eine Posse?

Bis vor kurzem noch haben außer den betroffenen Schülern, Eltern, Lehrern nur ein paar Insider, meist Ministerialbeamte oder Pädagogik-Professoren, vielleicht noch zwei oder drei Journalisten mit ausgeprägtem Langzeitgedächtnis, gewußt, was Kollegschulen eigentlich sind. Das ist auch kein Wunder. Das Wort Kolleg, abgeleitet vom englischen College, erfreute sich bei den Bildungsplanern der 70er Jahre einer ausgesprochenen Beliebtheit (möglicherweise, weil jedermann dabei sofort an grünen Rasen und adrette, freundliche Studenten denkt).

Was nennt sich heute nicht alles Kolleg. In Nordrhein-Westfalen heißen Schulen so, auf denen Erwachsene das Abitur nachholen können. Mit den Kollegschulen, um die es hier geht, haben sie ebensowenig zu tun wie mit Hartmut von Hentigs berühmten Kolleg-Studien-Versuch in Bielefeld. Oder etwa mit der Kollegstufe an bayerischen Gymnasien.

Die Idee der Kollegschule geht zurück auf Überlegungen des Bildungsrates aus den frühen 70er Jahren, auf damals wohl in der gesamten Republik angestellte Überlegungen, wie sich berufliche und allgemeine Bildung zusammenfügen ließen. Anderswo und standen technische oder berufliche Gymnasien, „Fachgymnasien Technik“ oder „Hauswirtschaftswissenschaftlichen Typs“, und wie sie alle heißen. Gustav Grüner hat (in: „Die berufsbildende Schule“, Heft 33, 1981) 66 verschiedene Bezeichnungen für diese Schulform aufgezählt.

Das Kollegschul-Modell entwarf eine Kommission mit dem inzwischen verstorbenen Münsteraner Professor Herwig Blankertz. Wer diese Schule verläßt, soll eine „Doppel-Qualifikation“ in der Tasche haben. Er soll einen Beruf erlernt und gleichzeitig, je nach Fortbildung, Talent und Eifer, einen Hauptschulabschluß, die Fachoberschulreife oder gar das Abitur erworben haben. In den ersten drei Jahren funktioniert die Kollegschule wie eine normale Berufsschule: Ausbildung im Betrieb und Unterricht laufen nebeneinander her. Nur daß Kollegschüler sechzehn Wochenstunden lang die Schulbank drücken müssen, „normale“ Berufsschüler nur zwölf Stunden lang.

1976 schlossen die Kultusminister der Länder eine Sondervereinbarung, sie verpflichteten sich, bis zum 31. Juli 1985 die von Kollegschulen ausgestellten Zeugnisse der Hochschulreife überall anzuerkennen. Im Mai 1983 teilte der Düsseldorfer Kultusminister seinen Kollegen mit, der Schulversuch solle verlängert werden. Daher sei nun „die Anerkennung dieser Abschlußzeugnisse nach dem 31. Juli 1985 sicherzustellen“. Dem Schreiben beigefügt wurde ein Zwischenbericht, ergänzt um statistisches Material. Der Minister bot an, in der 215. Plenarsitzung der Kultusministerkonferenz zusätzlich Auskunft zu geben, „falls dies gewünscht wird“.

Es wurde nicht gewünscht. Der Minister gab seinen Zwischenbericht nebst Schreiben pünktlich vor jenem Zeitpunkt ab, zu dem Schüler in die Jahrgangsklassen zwölf eintraten, die das Abitur frühestens 1986 würden erwerben können. Eine Schlamperei?

Diese Schüler haben Namen. Sie heißen, zum Beispiel, Bernd Stallmann und Engelbert Kramer. Beide gehen in die dreizehnte Klasse der Städtischen Kollegschule und Fachschule für Technik Duisburg-Nord. Die Schule, ein 52 Jahre alter Backsteinbau, ergänzt um einen Neubauteil, steht zwischen den Duisburger Stadtteilen Marxloh und Hamborn, in einer Gegend, in der es nach Stahl und Arbeit förmlich riecht. August-Thyssen-Straße 45 lautet ihre Adresse. Und das ist kein Zufall. Die rund 3500 Schüler, die diese Schule besuchen, haben oder hatten allesamt Ausbildungsverträge mit Stahlunternehmen. Die meisten kommen von Thyssen. Das Unternehmen unterstützt den Schulversuch. Wer bei ihnen „Azubi“ wird, muß zur Kollegschule. Das ist Bedingung.

Die Schüler der dreizehnten Klasse haben ihre betriebliche Ausbildung inzwischen längst hinter sich; sie sind Oberprimaner und Facharbeiter zugleich. Angst vor drohender Arbeitslosigkeit scheinen sie allesamt nicht zu haben. Der Ausbildungsbeauftragte von Thyssen bestätigt: Natürlich werde man später bevorzugt Diplomingenieure einstellen, die schon bei Thyssen gelernt haben.

Die meisten der vierzehn Schüler wollen ein technisches Fach studieren. Hütten- und Datentechnik sind ihre Favoriten.

Zusatzstunden für Schöngeister Der Lehrplan der Kollegschulen wie auch die Abiturprüfungen entsprechen den jeweils geltenden Länderübereinkünften für Lehrpläne und Prüfungen der Gymnasien. Und doch, dies bestätigen auch erste Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleituntersuchungen, kommen die musischen Fächer oft zu kurz. Absolventenbefragungen zeigten, zwar würden die meisten wieder zur Kollegschule gehen und auch anderen diese Schulform unbedingt empfehlen, aber viele hätten, im Rückblick, doch etwas mehr „über den Bauch“ lernen wollen.

Die meisten Kollegschulen sind fortentwickelte Berufsschulen. Da haben es Kunst- und Musiklehrer, Freunde des Schöngeistigen überhaupt, oft schwer, sich im Kollegium zu behaupten. Das Düsseldorfer Kultusministerium versucht dem jetzt entgegenzusteuern. Etwa mit einem Projekt, genannt „Lernort Studio“, einem freiwilligen Zusatzunterricht.

Jede Kollegschule hat andere Schwerpunkte der beruflichen Bildung. Gemeinsam ist allen das didaktische Konzept. Es sieht einen durchgehenden, fächerübergreifenden Projektunterricht vor. So beschäftigt sich die Klasse 11.2 der Kollegschule Duisburg-Nord in diesem Jahr mit „Arbeit und Freizeit Im Religionsunterricht durchforstet sie die Bibel auf der Suche nach passenden Aussagen. In Deutsch geht es, zum Beispiel, um die Analyse und kritische Beurteilung facnsprachlicher Texte. In Gesellschaftslehre um die „Technisierung als Motor des beruflichen Wandels“ oder um die Berufsausbildung in der DDR. Die ständige Verbindung von Praxis und Theorie, das zeigt auch die schon zitierte Befragung, kommt an bei den Schülern. Wird Kritik laut, dann stets in dem Sinne: „Es könnte noch mehr Praxis sein.“

Als ausgesprochen angenehm empfanden die Befragten auch den Klassenverband. Er bleibt bis zum Abitur bestehen. Klage dagegen führten sie über die Arbeitsbelastung, vor allem wenn sie Geschwister haben, die zum Gymnasium oder zur Gesamtschule gehen. Die Wahl –, aber eben auch die Abwahlmöglichkeiten von Fächern sind auf Kollegschulen viel begrenzter als bei der allgemein-bildenden Konkurrenz.

Die wissenschaftliche Begleituntersuchung kommt in ihrem Zwischenresümee zu einer überwiegend positiven Beurteilung der Kollegschulen, insbesondere der projektbezogenen Verbindung von Theorie und Praxis und des Grundsatzes der „Doppelqualifikation“.

Woran denkt der Philologenverband, wäre zu fragen, wenn er die Befürchtung äußert, an den Kollegschulen könnten Jugendliche sozusagen durch die Hintertür die Universität betreten, die dort eigentlich nicht hingehören? Schüler etwa, die auf dem Gymnasium nicht mitkamen, abgingen, und aus denen auf den Kollegschulen nun doch noch etwas wird. Spricht das für oder gegen die Kollegschulen, für oder gegen das Gymnasium?

Die Schüler der Duisburger Klasse dreizehn scheinen die Drohungen aus Stuttgart und München nicht zu treffen. Bernd Stallmann – er will Diplomingenieur werden – meint trotzig: „Es gibt genug Unis in Nordrhein-Westfalen.“

Die Wahl der richtigen Hochschule ist für ihn und die meisten seiner Mitschüler im übrigen nicht nur eine Frage des Fächerangebotes und der Landschaft, auch die Kosten spielen eine Rolle.

Dennoch muß Hans Schwier bestrebt sein, die Anerkennung des Kollegschulabiturs in den anderen Bundesländern auch für die Zukunft zu sichern. Doch wie? Auf den 1983 vorgelegten Zwischenbericht nebst Bitte um fortgesetzte Anerkennung zu verweisen, nutzt ihm nichts.

Die Kultusministerkonferenz ist ein politisches Gremium, einklagbar ist nichts von dem, was die Herren (und wenigen Damen) dort unter sich verabreden. Daß die anderen Länder dem Kollegschulabitur ihre Zustimmung tatsächlich versagen, hält man in Düsseldorf aber auch für unwahrscheinlich. Denn das, glaubt man dort, liefe ja zwangsläufig auf eine Art von „Krieg“ hinaus. Ungewöhnliche Schulversuche gäbe es auch in anderen Ländern zuhauf, da ließe sich, als Retourkutsche, manches überprüfen und in Frage stellen. Einen solchen „Krieg“ werde doch am Ende kein Kultusminister wirklich wollen.

SPD-Missetat Schulreform Vielleicht ja doch. Die erste Regung zum Thema Kollegscnule kam aus Bayern, zu einem Zeitpunkt, der stutzen läßt. Das war im März dieses Jahres zur Wahlkampfzeit an Rhein und Ruhr und fast zwei Jahre nach der Vorlage des Düsseldorfer Zwischenberichts.

Hans Maier schrieb einen Brief, Hans Schwier antwortete. Man gab sich entschieden und kämpferisch. Maier stellte kritische Fragen, Schwier lobte seine Kollegschulen über den grünen Klee. Dann kam der Wahltag und alles schien wieder vergessen. Der 31. Juli verstrich, und niemand regte sich auf.

Bis der Philologenverband Wind machte. Nun, auf einmal, klingt es so, als sei die Kollegschule Teil einer umfassenden Strategie der Sozialdemokraten mit dem Ziel, das gegliederte Schulsystem endlich doch zu zerschlagen. Inhaltliche Einwände gegen die Kollegschule äußert, auch wenn man bohrend nachfragt, keiner ihrer Kritiker. Statt dessen hört man viel von anderen SPD-„Missetaten“: von der angeblich geplanten Zerstörung des Gymnasiums in Bremen, von den pädagogischen Fanfarenstößen, die im Saarland erschallen und von der höheren Berufsfachschule in Nordrhein-Westfalen.

Hans Schwier, der nette Ministerkollege von einst, wird jetzt als Wolf im Schafspelz dargestellt, dem man nichts mehr durchgehen lassen darf. Die bisherige, fast traute, Eintracht der Kultusminister, denen schließlich allen das Leid gemein ist, über sich einen knauserigen Finanzminister zu haben, scheint gestört. Wer weiß, vielleicht ist letztlich Johannes Rau an allem Schuld, der aus seiner Düsseldorfer Idylle partout in Richtung des Bonner Minenfelds abmarschieren will?

Und so sehen Engelbert Kramer, Bernd Stallmann und all die anderen auf einmal keineswegs mehr aus wie Komparsen in einem Possenspiel, sondern eher wie Bauern in einem Schachspiel um die Macht in Bonn. Wie hatte der Sprecher des Stuttgarter Ministers gesagt? „... So Bedauerlich das für die Schüler sein mag.“

  • Quelle DIE ZEIT, 3.1.1986 Nr. 02

Rarität ohne Feinde

1/1/1990

 
Um sich handwerklich zu üben, machen Schüler im „Lernort Studio“ freiwillig Überstunden

Aktualisiert 21. März 1986  07:00 Uhr  Von Uwe Knüpfer

So ist es oft: Der Proteststurm, der einer neuen Idee, wie Bildung zu verbessern sei, entgegenweht, verflüchtigt sich zu einem lauen Lüftchen, wenn die Idee sich erst einmal anschaulich zu Bauten, Lehrern, Schülern verfestigt hat. Das gegenwärtig neu entbrannte Gezeter einiger christdemokratischer Kultusminister um die nordrhein-westfälische Kollegschule, um bedrohte Gymnasien, um Seiteneinstiege und Hintertüren könnte glauben machen, in unseren Schulen sei ein neuer Kulturkampf entbrannt. Wer sich nach Idyllen sehnt, sollte deshalb nach Düsseldorf blicken. Dort gedeiht, beinahe im Verborgenen, seit 1977 ein bundesweit einmaliges Projekt: der „Lernort Studio“. Und was das Erstaunliche ist: Beinahe niemand in Stadt und Region regt sich darüber auf; nicht die christdemokratische Opposition im Rat, nicht der Philologenverband, nicht die Direktoren der Gymnasien. Eitel Sonnenschein? Beinahe.

Christoph Rödig hockt versunken vor einem rechteckigen Stück Ton. Mit den Fingern modelliert er geschwungene Stufen in das feuchte Material. „Das soll eine Landschaft werden.“ Der Zwanzigjährige ist vor kurzem von einer Reise nach Ägypten zurückgekehrt. Dort haben sich ihm nie gesehene Landschaftsformen eingeprägt. Was ihn in der Fremde begeistet hat, ruft er jetzt mit seinen Händen und mit Hilfe des Tons in die rheinische Wirklichkeit zurück.

Nebenan träufelt Andrea Kirschner Ölfarben in eine Wanne voller Kleister. Mit einem Stift zieht sie vorsichtig einen Farbklecks in den anderen. Mehrfarbige Spiralen entstehen, Farbnebel, skurrile Figuren. Im nächsten Arbeitsgang legt die Schülerin ein Blatt Papier auf die Kleisteroberfläche. Die Ölfarben hatten nun auf dem Papier, der Kleister kann gesäubert und erneut verwendet werden.

Das bunte Blatt soll den Deckel eines Notizbuchs zieren. Eines Buchs, das Andrea Kirschner selbst hergestellt haben wird, von Anfang bis Ende, nach den alten Regeln der Buchbindekunst.

In anderen Räumen wird gewebt, gesponnen, Pantomime getanzt, werden Möbel geschreinert, selbst entworfene Schmuckstücke geschmiedet. Es ist später Nachmittag, und dennoch: In den Werkräumen der Städtischen Kollegschule Kikweg und in einem alten Schulgebäude gegenüber pulsiert das Schülerleben. Dabei ist es in jedem Raum ganz ruhig, die intensive Arbeitsatmosphäre nimmt den Eintretenden sofort gefangen.

Düsseldorfer Gymnasiasten, Kolleg- und Gesamtschüler der Sekundarstufe II, also Jugendliche meist im Alter zwischen 16 und 20 Jahren, suchen derzeit regelmäßig den „Lernort Studio“ auf. In den letzten Jahren sind es immer mehr geworden. Sie alle kommen freiwillig, „just for fun“, wie Studioleiter Bruno Schnabel formuliert. Der Notendurchschnitt beim Abi läßt sich im Studio nämlich nicht aufpolieren; Zensuren und Zeugnisse gibt es hier nicht.

Und doch kommen die Schüler nicht nur zum Vergnügen. Natürlich, die Tonlandschaft läßt sich später dekorativ ins Regal rücken, das Notizbuch oder der selbstgewebte Teppich eignen sich prächtig als Weihnachtsgaben für die Lieben daheim. Aber: Christoph Rödig beispielsweise möchte demnächst Landschaftsarchitektur studieren. Oder: Einer ehemaligen Studio-Besucherin, erzählt die Leiterin des Webekurses nicht ohne Stolz, hat ihre Studio-Erfahrung bei der Bewerbung um einen Studienplatz in der Fachhochschule Hamburg, Fachbereich Gestaltung, sehr geholfen. Im Studio, sagt die Kursleiterin, lerne man „Dinge gründlich anzusehen, seinen Blick zu schärfen“. Das sei eine gute „Grundlage für vieles im Leben“.

Und wenn es nur darum geht, sich in den Semesterferien unter wärmender Sonne ein Paar Mark extra zu verdienen. Wie es jener Ex-Studioschüler tat, der sich dank eines Töpferkurses (und seines wahrscheinlich freundlichen Äußeren) als Animateur bei einem Ferienklub verdingen konnte.

Was heute in Düsseldorf so handfest wirkt und ohne große Worte funktioniert, ist eine typische Kopfgeburt der begriffreichen Bildungs-Reform-Euphorie-Epoche. 1974 tauchte der „Lernort Studio“ erstmals öffentlich auf – als Wortschöpfung in den Empfehlungen des Deutschen Bildungsrates „Zur Neuordnung der Sekundarstufe II“. Diese waren gedacht als Vorschlag, wie sich allgemeines und berufliches Lernen verbinden ließen.

Nach der Lernort-Theorie lernen Schüler auch, aber eben nicht nur in der Schule. Als andere, prinzipiell gleichberechtigte Lernorte treten der Betrieb, die Lehrwerkstatt und das „Studio“ hinzu. Unter Studio verstanden die Lernort-Thoretiker einen Ort des – möglichst zwanglosen – Spielens und Gestaltens. Gruppen-, Selbst- und Körpererfahrung sollten hier möglich sein, das Austragen sozialer Konflikte, die Weiterentwicklung der eigenen Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit, der Phantasie.

Wie schafft man das? Eben mit Tanzen, Töpfern, Werkeln, Filmen, Basteln... Die Palette findet sich in jedem besseren Volkshochschul-Programmheft. In der Tat sind Ähnlichkeiten zwischen Volkshochschule und Studio kaum von der Hand zu weisen. Nur, daß im Lernort Schüler unter sich sind. Die Gruppen sind homogen.

Die Lernort-Thorie war eng vernüpft mit der Erfindung der Kollegschule, die Abitur und eine Berufsausbildung ermöglicht. Doch nur Nordrhein-Westfalen ließ dieses Mixtum aus allgemeinbildender und Berufsschule in einer wachsenden Zahl von Städten Wirklichkeit werden. Düsseldorf gilt als Zentrum des Kollegschulversuchs. Und so war es wohl kein Zufall, daß hier die Stadtväter umgehend auch der Lernort-Studio-Idee zum Leben verhalfen.

Zur Zeit kommen rund zwanzig Prozent der „Kunden“ aus dem benachbarten Schulzentrum Kikweg, weitere 25 Prozent aus den anderen Kollegschulen der Stadt, und nicht ganz so viele aus den städtischen Gymnasien. Bruno Schnabel hofft; bald ins Stadtzentrum umziehen zu können. Zum Kikweg ist es vielen Interessierten zu weit, vermutet er.

Wer kommt, ist motiviert. „Wir haben kein Disziplin-Problem“, sagt Schnabel. Woher auch? Jeder kann machen, was er will. Wer sich entschließt, einen Schrank zu bauen, sieht rasch ein, daß er dafür schreinern lernen muß. So wird er dem kundigen Kursleiter auch ohne „Notenhammer“ (Schnabel) dankbar sein für Ratschläge, Erklärungen und Handreichungen. Oder er wird resignieren und nicht wiederkommen.

Anders als im normalen Kunstunterricht kann er sein Schrankprojekt solange verfolgen, bis das Möbel fertig ist. Anschließend hat er was fürs eigene Zimmer und zugleich eine Menge gelernt. Selbst bezahlen mußte er nur das Holz, sofern ihm der Sinn nach Edlem stand.

Den Düsseldorfer Etat belastet der „Lernort Studio“ jährlich nur mit vergleichsweise lächerlichen 15 000 DM für Lehr- und Unterrichtsmaterial. Seit Ablauf der Modellversuch-Phase, in der auch der Bund noch zubutterte, teilen sich Stadt und Land die laufenden Kosten. Die ursprüngliche Einrichtung der Studioräume war auch nicht kostspielig. Von einer halben Million Mark spricht Schuldezernent Heinz Hemming,

Neben Bruno Schnabel, der als ehemaliger Journalist selbst einen Kurs über „Zeitungsmachen“ gibt, arbeiten im Lernort Studio nur vier festangestellte Lehrer. Die siebzehn anderen Kursleiter sind im Hauptberuf Regisseur, Photograph, Stadtplaner, Bildhauer oder ähnliches. Wer weiß, viellicht wäre mancher Düsseldorfer Künstler tatsächlich „brotlos“ ohne den Lernort.

Doch auch das famoseste Modell hat einen wunden Punkt. Eine „gesellschaftlich relevante Gruppe“ hat eben doch Kritik anzumelden. Die Kunsterzieher nämlich. Ihre Interessenvertreter äußerten schon früh den Verdacht, beim Lernort Studio handele es sich nur um einen besonders raffinierten Trick, die ästhetischen Fächer aus den Schulen zu vertreiben und so ordentliche Lehrer-Stellen einzusparen.

Obgleich in Düsseldorf derartiges bis heute nicht geschehen ist, scheint der Verdacht gänzlich noch nicht ausgeräumt. So ist das eben in der Bildungspolitik: Da traut jeder jedem alles zu, nur eines nicht: Aufrichtigkeit.

  • Quelle DIE ZEIT, 21.3.1986 Nr. 13

Run auf die Jungen Alten

1/1/1990

 
Die Geisteswissenschaften entdecken die Weiterbildung von Uwe Knüpfer

Aktualisiert  2. Mai 1986  08:00 Uhr  Von Uwe Knüpfer

Zunächst mutet es paradox an: Noch stöhnen Professoren allerorten, ihre Seminare seien überlaufen, ihre Sprechstunden ausgebucht und sie fanden vor lauter Lehrverpflichtungen kaum Zeit und Muße zur Forschung. Da mehren sich die Lockrufe aus bundesdeutschen Hochschulen, die einer neuen Studentengeneration gelten – den Senioren, den Älteren, den Alten, den Frührentnern, den Jungen Alten oder wie immer jene wachsende Gruppe von Menschen genannt wird, die von bezahlter Arbeit zwar „freigestellt“, geistig aber noch lange nicht eingerostet ist. Rund zwanzig Universitäten bieten in diesem Sommersemester schon Seniorenstudiengänge an oder doch wenigstens spezielle Vorlesungsverzeichnisse für ältere Gasthörer. Acht bis zehn weitere Hochschulen planen konkret, ähnliches demnächst zu beginnen, und noch ein halbes Dutzend zieht es zumindest in Erwägung.

Die Universität Dortmund kann sich rühmen, nebst Oldenburg und Kassel, die Alten für die Unis „entdeckt“ zu haben. Von 1980 bis 1985 wurde hier – finanziert von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung – in einem Modellversuch erprobt, wovon sich jetzt so viele inspirieren lassen: Münster und Hamburg etwa, Schwäbisch Gmünd und Trier, Freiburg und Berlin. Im Sommer 1985 ist daraus eine feste Einrichtung der Dortmunder Uni geworden.

Schon während der Versuchsphase erwarben 116 Dortmunder Senior-Studenten das eigens für sie entworfene Abschlußzertifikat. Eine Art Ehrenurkunde, die erfolgreiches Teilnehmen bestätigt und dem Inhaber bescheinigt, er sei nun in besonderer Weise dazu qualifiziert, ehrenamtliche Aufgaben in Vereinen, Verbänden und Institutionen zu übernehmen.

Viele Beobachter des Dortmunder Modells haben sich darüber lange belustigt, inzwischen sind die Kritiker leiser geworden. Mag sein, das anhaltende öffentliche Interesse an der Arbeit der Dortmunder Pioniere hat ihnen die Sprache verschlagen, oder auch nur deren selbsterstellte Erfolgsstatistik.

Nur einer von zehn Teilnehmern des Dortmunder Modellversuchs hatte schon als junger Mensch akademische Erfahrungen gesammelt. 70 Prozent hatten kein Abitur, 15 Prozent waren, bevor sie in Rente oder in die „Anpassung“ des Ruhrbergbaus gingen, Arbeiter. Die Abbrecher-Quote war dennoch außerordentlich gering, und dies, obwohl die Dortmunder Wert darauf legen, auch mit ihren angegrauten Studenten wissenschaftlich zu arbeiten. Eine Art elfenbeinerne Volkshochschule wollen sie nicht sein.

Allerdings haben sich die meisten Teilnehmer, gibt Ludger Veelken, Professor für soziale Gerontologie und Geragogik, zu, „ihr ganzes Leben mit Weiterbildung beschäftigt“. Oder anders: Wer sich nicht schon immer geistig frisch gehalten hat, wird es im Alter auch durch angestrengtestes Studieren nicht wieder werden. Es sind Aktivisten, quirlige, neugierige Menschen, die sich für das Seniorenstudium interessieren. Es sind Männer, die früh, zu früh, wie sie finden, aus dem Beruf ausscheiden mußten und die sich wieder gefordert sehen möchten. Und es sind (zu zwei Dritteln) Frauen, die ihren erlernten Beruf vor langem zugunsten der Familie aufgegeben haben, aber nun – die Kinder haben das Nest Verlassen – auch als Hausfrau und Mutter nur noch am Rande gefragt sind.

Frauen wie Erika Lutowski. Während der letzten beiden Kriegsjahre hat sie Medizin studiert, dann war sie ein Jahrzehnt lang Hebamme, heute, mit 63, hilft sie in der Seniorenberatung der Uni Als Absolventin (mit Zertifikat) weiß sie, was neue Bewerber ängstigt und unsicher macht. Das Studium, sagt Erika Lutowski, habe sie „munterer gemacht und aufgerüttelt“.

Willi Christofzik (62) hatte vierzig Berufsjahre im Bergbau hinter sich, als er zu studieren begann. Schon das Erlebnis, als Älterer in der Uni von jungen Menschen akzeptiert, ernst genommen zu werden, ist ihm noch heute lieb und teuer: „Das war ’ne schöne Zeit.“ Zu Hause, deutet er an, war das nicht immer so. Er traue sich jetzt auch viel mehr zu; geistig, aber auch körperlich, In ihrem Bochumer Ortsteil haben seine Frau und er jetzt eine bildungshungrige „Gruppe von Frühpensionären“ gegründet. Zu 35 sind sie schon. Am Ende des Seniorenstudiums gaben 84 Prozent der Dortmunder Absolventen zu Protokoll, ihr Selbstbild und ihr Selbstwertgefühl habe sich verändert. 46 Prozent fühlen sich subjektiv gesünder als zuvor.

Teilgenommen haben sie an ganz normalen Univeranstaltungen, ergänzt durch Begleitseminare und intensive Gruppenarbeit. Numerus-clausus-Fächer sind ausgespart. Meist sind es die Geisteswissenschaften, sind es Soziologie und Psychologie, für die sich die Senioren interessieren.

Eine fürwahr glückliche Fügung. Denn gerade die Lehramtsstudiengänge leiden unter den Folgen des legendären „Pillenknicks“. Es gibt immer weniger Schüler, also, behaupten die herrschenden Finanzpolitiker, brauchen wir auch immer weniger Lehrer (und Erzieher und Sozialpädagoginnen). Die Abiturienten richten sich längst darauf ein. Sie studieren, wenn überhaupt, lieber anderes.

Wir sehen: Es kann, muß aber nicht der reine Altruismus sein, der Pädagogen zu Geragogen, Jugenderzieher zu Seniorenbildnern werden läßt. Die Jugend der Menschen ist weitgehend ausgeforscht, die Zahl der Studien zu diesem Thema ist Legion. Über den „dritten Lebensabschnitt“ aber, jene zwanzig, dreißig Jahre, die der Berufstätigkeit heute meist noch folgen, behaupten die Wissenschaftler, noch viel zu wenig zu wissen. Konsequent rufen sie nach neuen (oder umgewidmeten) Lehrstühlen und nach Forschungsmitteln. Nicht mehr lange, meint Ludger Veelken, und jeder dritte Deutsche zählt zu den Jungen Alten.

Was bedeutet das für eine Gesellschaft, die Leistung und Erfolg immer noch höher bewertet als Zufriedenheit, Hilfsbereitschaft oder Bildung? Was bedeutet es für die Stadtplaner, die Architekten, für die Krankenkassen, für die Freizeitindustrie? Für die Wissenschaft bedeutet das: Es gibt reichlich zu tun. Ludger Veelken: „Die Hochschulen müssen sich fragen: Können wir es uns leisten, an dieser wachsenden Schicht vorbeizugehen?“ Von ihnen hänge es weitgehend ab, wie viele Menschen ihren dritten Lebensabschnitt künftig „in selbstbestimmter Freiheit organisieren“ und wieviele „einfach dahinleben“.

An der Universität Marburg läuft soeben ein neuer Modellversuch an. Diesmal soll erprobt werden, welche Studiengänge sich für Senioren noch anbieten könnten – neben der in Dortmund praktizierten Ausbildung zum, sozusagen, professionellen Ehrenamtlichen. (Für Sprachwächter: Unsinnig ist nicht der Begriff, sondern der gesellschaftliche Zustand, der ihn entstehen läßt.) Begonnen haben die Marburger mit vier Studiengängen: Gesellschafts-, Literaturwissenschaften, Pädagogik und Geschichte. Im nächsten Wintersemester bieten sie erstmals auch ein interdisziplinäres naturwissenschaftliches Studium an. Unter Einbeziehung von Theologie und Philosophie sollen die Senior-Studenten dann alle Aspekte der Ökologie und des Umweltschutzes ausforschen können.

Jeder Hochschullehrer kennt die KMK-Prognose, wonach im Jahr 2000 fast nur noch halb so viele junge Menschen studieren werden wie heute. Statt darüber zu frohlocken, da also endlich eine Normalisierung der Hörerzahlen in Sicht wäre, schwant ihnen – wohl nicht zu Unrecht –, daß die Steuermittelverteiler jeden Rückgang der Studentenzahlen zum Anlaß nehmen werden, den Hochschulen Gelder zu streichen. Also gilt es für jeden Ordinarius, für jeden Rektor, der auf sich hält, neue Argumente zu finden, warum sein Etat gehalten (wenn nicht erhöht) werden muß. Da kommt der lange überlesene Weiterbildungsauftrag des Hochschulrahmengesetzes gerade recht.

Nicht nur die Jungen Alten werden jetzt zu „Kunden“ der Unis, auch Berufstätige, die der rasche Wandel der Technik zu immerwährender Fortbildung verpflichtet. Oder Hausfrauen und Mütter, denen die Uni bei ihren Emanzipationsbestrebungen behilflich ist.

Noch allerdings preisen die meisten Hochschulen lieber die Qualität ihrer High-Tech-Studiengänge, mit Computerwissenschaften und Technologiezentren, mit engen Banden zur regionalen Wirtschaft, summa summarum: mit ihrer Nützlichkeit beim großen wirtschaftlichen Sprung nach vorn; dorthin, wo Japan und das amerikanische „Silicon Valley“ vermutet werden. Doch wer weiß, vielleicht reiben sich die Rektoren und Regionalpolitiker, die zur Zeit nur Informatik, die Ingenieurkunst und die anwendungsbezogene Physik für Wissenschaften halten, demnächst ja vor Freude die Hände, weil „ihre“ Soziologen und Pädagogen in den für sie so harten Zeiten einfallsreich gewesen sind.

  • Quelle DIE ZEIT, 2.5.1986 Nr. 19

Zwischen Anarchie und Sozialismus

1/1/1990

 
Die Polen begegnen der Perestrojka mit an Desinteresse grenzender Gelassenheit Von Uwe Knüpfer

Die Talare sind mit Samt besetzt, in den Farben der Fakultäten. Die Schultern des Rektors bedeckt ein Stück Fell, das aussieht wie Hermelin. Vom Renaissancebau des Collegium maius zum neugotischen Collegium novum sind es nur wenige hundert Meter, dennoch dauert das feierliche Ereignis eine gute halbe Stunde. Es nehmen nur jene Professoren teil, die sich einen Talar leisten konnten. Es ist die Minderheit.

Die Jagiellonische Universität in Krakau ist 623 Jahre alt. Sie hat viele Staaten überdauert. Die Inaugurationsfeier jährlich zum Beginn des akademischen Jahres Anfang Oktober, die würdevolle Aufnahme neuer Studentinnen und Studenten in die universitas, die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden, ist ein Ritual mit strengen Regeln, an dessen Ende das Gelöbnis von zwölf Studentinnen und Studenten steht.

Schöne Hoffnungen Weihnachtlich glänzen die Augen jener zwölf Studentinnen und Studenten, die geloben, tüchtig studieren zu wollen – zum Wohle des Sozialismus.

Doch welchem Sozialismus die jungen Studenten sich da verpflichten, das mag innen selbst kaum klar sein. Denn seit Polen auf den Spuren der sowjetischen perestrojka in die zweite Etappe der Wirtschaftsreform ging, sind die alten Maßstäbe verloren gegangen und neue noch nicht gefunden, eine Orientierungslosigkeit, die alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens erfaßt hat.

Seit dem Frühjahr war in Warschau darüber gemunkelt und gemutmaßt worden, was diese zweite Etappe der Wirtschaftsreform wohl mit sich bringen würde. Es stiegen Hoffnungen auf, schön und kurzlebig wie Seifenblasen. Als dann Anfang Oktober, erst durch ein Papier zunächst unklarer Herkunft mit dem Titel ,,Thesen zum 5. Plenum des ZK der PVAP“, dann durch eine Rede von General Wojciech Jaruzelski vor dem polnischen Journalistenverband und schließlich in Form eines durch Premierminister Zbigniew Messner vorgelegten Gesetzespaketes, immer deutlicher wurde, worum es gehen sollte, hatte die polnische perestrojka in den Köpfen der polnischen Politikbeobachter schon stark an Faszination verloren.

Dabei kündigte Messner doch an, was viele Oppositionelle sich seit langem sehnlichst gewünscht hatten: eine weitere Stärkung des privaten Sektors der Wirtschaft, leistungsgerechte Entlohnung, mehr Markt, mehr Selbstverwaltung, eine radikale Straffung des Regierungsapparates, ein neues Vereinsrecht. So sensationell dies alles klang, kaum war es als das wirkliche Wollen der Parteiführung und der Regierung offizell bekannt, machte sich in Polens nichtoffizieller Öffentlichkeit großes Desinteresse breit. Die Volksrepublik Polen bleibt vorerst, was sie ist: ein sozialistisches Land, in dem der Sozialismus im realen Alltag oft potemkinsche Züge trägt. Da ist einerseits der postulierte Allmachtsanspruch des Staates, spürbar vor allem als bürokratische Bosheit, als politische Willkür einflußreicher Parteifunktionäre und als institutionalisiertes Versagen der staatlichen Wirtschaft. Und da ist andererseits die überall zu spürende Ohnmacht des Staates, die sich vor allem im Desinteresse der Bürger an ihrem Staat dokumentiert. Hinter der sozialistischen Tünche trägt dieses Polen im Herbst 1987 anarchische Züge. Im Streit zwischen Staats- und Frühkapitalismus um die Vorherrschaft zeigt das Pendel derzeit Richtung Frühkapitalismus.

Premierminister Messner hat in seiner Rede Mitte Oktober schon einen neuen Maßstab genannt: Das „Geld sei das beste Regulativ zur Befriedung gesellschaftlicher und individueller Bedürfnisse“. Es soll sich „wieder lohnen, maximalen Gewinn zu erzielen“.

Offiziell herrscht Mangel, Fleisch, bessere Kleidung, Autos und gehobene Konsumgüter sind nur schwer zu haben. Aber inoffiziell ist nichts unmöglich. In den Foyers der großen Hotels geben sich die Devisenschwarzhändler nicht die geringste Mühe, ihre illegalen Geschäfte zu kaschieren.

In einem Sportpark in Warschau pulsiert Sonntag für Sonntag das geschäftliche Leben. Ungehindert von Ladenschlußzeiten, Restriktionen des Finanzamtes oder sonstigen Behörden handelt einen Vormittag lang jeder mit jedem und mit beinahe allem. Von weit her kommen Familien, zahlen hundert Zloty Eintritt und breiten Plastikplanen aus. Darauf bieten sie feil, was der Keller des Großvaters, was Urlaubsreisen, Verwandtenbesuche oder Schiebergeschäfte hergegeben haben. Schrauben aller Größen, Ersatzteile für westliche Autos, Rasierpinsel chinesischer Herkunft, alte zerlesene Exemplare von Spiegel oder sunt, von Newsweek oder Time, Hochglanzbroschüren von Philips, Toshiba, Sony oder Datsun, Computerprogramme von Atari, Videocassetten, komplette Stereoanlagen, Jeans, Pullover und modische Schuhe. Doch was an Flohmärkte, Basare oder Hamburger Fischmarkt erinnert, das ist kein Volksvergnügen oder gar ein Spektakel für Touristen. Eher brodelt hier eine Art ökonomischer Ursuppe.

In seltsamem Kontrast zum engen Angebot der staatlichen Lebensmittel- und Textilgeschäfte sind die nicht wenigen Edelrestaurants in und um Warschau, wenigstens am Wochenende, bis auf den letzten Platz besetzt. Ein mehrgängiges Menü kostet für zwei Personen das halbe Monatsgehalt eines Professors. Auffallend viele junge, modisch gekleidete Menschen finden sich ein. Sie tragen ihre Konsumfreude offen zur Schau.

Früher, erzählt ein Hochschullehrer, war das begehrteste Statussymbol ein Auto, egal welchen Fabrikats, dann mußte es ein Fiat oder Volkswagen sein, und heute, heute zählten nur noch Mercedes oder Volvo.

Wohlstand aus dem Schatten Woher kommt das Geld dafür? Die beliebteste Erklärung lautet: aus den Erlösen privater Gemüseanbaubetriebe und aus Import-Export-Geschäften. Ein Journalist erzählt: „Man fährt zum Urlaub an die bulgarische Schwarzmeerküste und verkauft dort seine Jeans, Blusen, Pullover und Schuhe gegen Dollar. Dann geht es weiter in die Türkei, wo man für Dollar einkauft, was die Basare hergeben; am liebsten Elektronisches und Haushaltsgeräte. Damit lassen sich in Polen traumhafte Zlotypreise erzielen. Die Zloty werden auf dem Schwarzmarkt in Dollar verwandelt, und für die Dollar kauft man westliche Kleidung. Die nimmt man dann wieder mit nach Bulgarien.“

Doch weil diese Geschichte als Erklärung für den Wohlstand aus dem Schatten nicht so ganz herhalten, kann, soll die Hochschule für Planung und Statistik in Warschau dem Phänomen „Schattenwirtschaft“ gemeinsam mit der Universität Duisburg auf den Grund gehen. Das Prinzip aller Orthodoxien, wonach nicht erforscht werden kann, was es gar nicht geben darf, hat offensichtlich ausgedient. Die Hochschule für Planung und Statistik ist eine Kaderschmiede: Aus ihr gehen die wichtigsten Führungskräfte der – noch – staatlich gelenkten polnischen Wirtschaft hervor.

Vor fünf Jahren war die erste Etappe der Wirtschaftsreform verkündet worden. Sie folgte in vielem dem Vorbild der ungarischen Wirtschaftsliberalisierung. Damals war von den „Drei S“ die Rede: Selbständigkeit, Selbstfinanzierung, Selbstverwaltung. Aus all dem, klagt ein Hochschullehrer, sei nicht viel geworden: „Wirtschaftlich stehen wir heute da, wo wir auch schon 1980 waren.“ Regierungsvertreter freilich verweisen darauf, daß Polens Wirtschaft zwischenzeitlich ganz woanders lag. Verglichen mit den Nöten nach Verhängung des Kriegsrechtes, gehe es Polen doch heute gold. Polens Wirtschaft ist 1986 amtlichen Statistiken zufolge um 5,2 Prozent gewachsen. Jetzt sprechen Staats- und Parteiführung davon, die zweite Etappe der Wirtschaftsreform werde auf den Erfolgen der ersten aufbauen.

Diese Ankündigung läßt Oppositionelle sarkastisch lachen: „Will man das Scheitern verstärken?“ Schon Etappe eins sei versandet, weil es nicht gelungen sei, die Macht der Partei zurückzuschneiden: „Solange es dem Funktionärsmittelbau nicht an den Kragen geht, bewegt sich nichts.“

Das soll nun endlich geschehen, nimmt man die Ankündigungen von Anfang Oktober für bare Münze. Die Zahl der Ministerien soll danach drastisch gesenkt werden. Jeder vierte Verwaltungsbürokrat wird künftig arbeitslos. Das Bankenwesen wird teilprivatisiert. Aus dem Dienstleistungssektor soll sich der Staat ganz entfernen, verkündete Premierminister Messner.

In der Presse werden schon jetzt mit erstaunlicher Offenheit Mißstände beim Namen genannt. Doch Skeptiker warnen davor, das allzu ernst zu nehmen: Das sei nur ein Ventil, das geöffnet werde, damit sich nichts wirklich ändere.

Forschungsaufenthalte von Professoren im Ausland müssen genehmigt werden. Manchmal, führen Hochschullehrer bittere Klage, „dauert es zehn oder zwölf Monate, bis das Ministerium entsprechende Anträge bearbeitet hat“. Der zuständige Abteilungsleiter im Ministerium weist indes den Vorwurf empört zurück. Länger als zwei Monate bleibe bei ihm kein Antrag liegen. Schuld seien die Universitäten, die solche Anträge zu langsam weiterleiteten. Wenn überdies nicht jeder Antrag genehmigt werde, so sei dies nicht Ausdruck politischer Willkür, sondern: „Manche Professoren sind öfter im Ausland als bei ihren Studenten.“

Schwierige Wirklichkeit Gleichzeitig aber sind die Hochschule wichtiger Bestandteil des Veränderungsprozesses. Partei und Regierung erwarten von den Hochschulen vor allem eines: einen Beitrag zur technologischen Erneuerung der polnischen Wirtschaft. Die Universitäten, traditionell dominiert von Vertretern der Geisteswissenschaften, verlangen von der Regierung vor allem zweierlei: Autonomie und mehr Geld. Die apparative Ausstattung technisch-naturwissenschaftlicher Hochschulinstitute würde in der Bundesrepublik wohl nicht selten unter Denkmalschutz gestellt. Ein Dozent der Technischen Universität Warschau präsentiert stolz Schaubilder einer neuen Computerinstallation, dessen Herzstück ein IBM-kompatibler Parallelrechner ist. Die Schaubilder sind allerdings das einzige, was die Universität von diesen Anlagen bisher besitzt.

Der öffentliche Sektor verarmt derzeit, während der private erblüht. Kein Wunder, daß die polnischen Hochschulen sich beklagen, daß sie Teil des öffentlichen Sektors sind. Doch das hält Professoren an den Staat heranzutreten. Während die Staatsführung aber so agiert, als wolle sie den Allmachts- und Allwissenheitsanspruch der Partei stillschweigend vergessen machen, fordert die kritische Intelligenz mehr Klugheit von eben diesem Staat. Gewohnten Denkmustern zufolge äußert sich staatliche Klugheit in präziserer Planung. Das hieße Liberalisierung zu verordnen, Freiheit zu planen.

Die zerschlagene Gewerkschaft Solidarnosz lebt weiter als Mythos. Ihr charakteristischer Schriftzug ist Symbol für eine allgemein kritische Haltung geworden, damit aber auch auf dem Wege, zum modischen Emblem zu verkommen. Die schwindende Bedeutung der organisierten Opposition im Lande mag sich auch darin begründen, daß die führenden Oppositionellen heute oftmals staatsfixierter denken als die Repräsentanten des Staates. Die Führung nimmt sich selbst zurück, die Bevölkerung handelt nach ihren ökonomischen Erfahrungen, die Intelligenz aber wartet auf weises Regierungshandeln.

Während die Intellektuellen, ihre Gehaltsabrechnungen und die offiziellen Wirtschaftsdaten fest im Blick, die polnische perestrojka schmähen, hebt, wer immer den Mut dazu hat, das Geld auf, das auf der Straße liegt. Unter den erfolgreichsten Kleinunternehmern soll es nicht wenige geben, deren ganzes Engagement noch vor wenigen Jahren Solidarnosz galt. Sie haben die politische Bühne verlassen und sind angetreten zum Marsch durch den Markt.

  • Quelle DIE ZEIT, 30.10.1987 Nr. 45

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